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Artikel: Moritz Leuenberger: Geniessen muss man lernen

Moritz Leuenberger: Geniessen muss man lernen

Moritz Leuenberger: Geniessen muss man lernen

— Moritz Leuenberger, Sie haben vor einiger Zeit einen Essay über «Die Kraft des gemeinsamen Essens» geschrieben. Wie politisch ist Essen aus Ihrer Sicht?

Oft fanden wir im Bundesrat erst beim gemeinsamen Essen eine Einigung. Vorher, in der Sitzung, war jeder in seiner Rolle gefangen, nachher, am Tisch, duzten wir uns und konnten uns über Parteigrenzen hinweg finden. So entwickeln sich auch Freundschaften, das scheint mir in einer Demokratie sehr wichtig.

— Freundschaften sind demnach die Grundlage der Demokratie?

Das ist meine Überzeugung: Wenn Freundschaften über Parteigrenzen hinweg nicht mehr möglich sind, stirbt auch die Demokratie.

Gilt die politische Kraft des Essens nur für eine Demokratie, oder hat sie universelle Bedeutung?

Sie gilt weltweit. Der rumänische Aussenminister Andrei Plesu schilderte seine Erfahrungen zur Zeit des Balkankrieges so: «Es ging mit Lachs los, es folgten Roastbeef und die NATO–Strategie, beim Apfelstrudel wurden Embargos und Sanktionen vorgeschlagen.»

Sind Sie ein Genussmensch?

Ehrlich gesagt, habe ich Mühe mit dem Genuss. Ich bin immer noch am Lernen. Im Laufe der Zeit habe ich begriffen, dass Geniessen und innere Ruhe eine Lebenshaltung bedeuten, welche sich dann in der Qualität der Arbeit auswirken.

Wie meinen Sie das?

Schon die alten Griechen sahen Ästhetik als Voraussetzung für gute Politik. Stil und Inhalt bedingen sich gegenseitig. Es hat eine Weile gebraucht, bis ich das verstanden habe. Eine schöne Umgebung, in der man sich wohlfühlt, erleichtert eine menschliche und gute Politik. Deshalb habe ich mein Büro jeweils so eingerichtet, dass es mir darin gefällt, oder meine Kleider entsprechend ausgewählt.

Sie kochen gern: Gilt für Sie das Prinzip «erst die Arbeit, dann der Genuss»?

Ich trenne Arbeit und Genuss nicht. Kochen ist für mich an sich ein Genuss. Ich arbeite zwar auch mit Rezepten, aber gehe dabei sehr intuitiv vor. Der künstlerische und innovative Teil ist mir wichtiger als der technische; ich benutze keine Waage.

Welches Menü eignet sich für ein solches Essen?

Wenn ein Essen mit Liebe zubereitet ist, haben Gäste es selbst dann gern, wenn nicht alles gelingt. Perfektion kann steril wirken. Ein Gastmahl ist immer auch etwas theatralisch, die Darbietung spielt eine wichtige Rolle.

Konnten Sie als Bundesrat mitreden bei der Menüplanung für einen Gast aus einem anderen Land?

Nein, das übernimmt das «Protokoll», und selbst dann kann mal ein Fehler passieren. Dem indischen Präsidenten, einem Hindu, wurde beispielsweise ein Rindsfilet serviert. Nach der entsetzten Reaktion des Botschafters hat man das Fleisch einfach vom Teller genommen und diesen dem Präsidenten wieder hingestellt.

Wer kocht bei einem solchen Staatsempfang?

Das sind Restaurants in Bern. Zum Jahresende lädt der abtretende Bundespräsident ins Von-Wattenwyl-Haus ein und engagiert die besten Köche und Köchinnen seines Kantons: Frédy Girardet aus der Waadt oder André Jaeger aus Schaffhausen etwa. Bei meinem Abschied habe ich dann aber selbst gekocht.

Und wie nahmen das Ihre Kollegen auf?

Sie empfanden es als eine Art Liebeserklärung. Sie erfuhren es erst aus der Speisekarte, die ich selbst gemalt hatte. Sie verstanden dann auch mein blutiges Pflaster: Ich hatte mich vorher in der Küche in den Finger geschnitten.

Hält im Kern das gemeinsame Essen die Demokratie zusammen?

Ja, es ist ein politisches Ritual, das diesen Gedanken unterstreicht. Neben den Essen nach der Bundesratssitzung gibt es auch jährliche Treffen zwischen den aktiven und ehemaligen Mitgliedern. So wird die Kollegialität über die politischen Generationen hinweg gepflegt.

Wie muss man sich Sie als Koch vorstellen?

Ich liebe ungewohnte Kombinationen und Überraschungen. Ich wage auch etwas zu servieren, was ich selbst zum ersten Mal ausprobiere. Das ist die Freiheit des Amateurs. Ein Profi dürfte das niemals tun.

Was wenige wissen: Sie waren vor rund dreissig Jahren anonymer Tester für den Restaurant-Guide «Gault et Millau». Wie kam es dazu?

Dem damaligen Chefredaktor Silvio Rizzi gefielen meine Texte, und als ich an einem Anlass kochte, kombinierte er beides.

Nach welchen Prinzipien haben Sie die Arbeit als Tester gemacht?

Ich schrieb für Gäste, die ein Restaurant suchten. Für sie ist die Qualität der Küche nur ein Kriterium. Die Stimmung und die Atmosphäre sind ebenso wichtig. Ich habe meine Aufgabe darin gesehen, Restaurants zu empfehlen. War das nicht möglich, deutete ich es bloss an. Jedenfalls demütigte ich nie einen Koch, auch nicht, wenn er einen schlechten Tag hatte.

Ist das letztlich auch ein politisches Prinzip?

Ja, auch mit einem politischen Gegner sollen wir uns anständig auseinandersetzen. Sich gegenseitig fertigzumachen, widerspricht der Ästhetik der Demokratie.